Serie: Vier Wochen Hawaii - Oahu Teil IV


7. Tag, Oahu

Oh man, heute ist unser letzter Tag auf Oahu und wir sind schon verhältnismäßig früh wach. Unser (liebgewonnener,weil wirklich sehr guter) Reiseführer lotst uns mal wieder zu einem eindrucksvollen Erlebnis, es geht wieder um Kultur, aber diesmal nicht ganz so alt, wie im Polynesian Culture Center. Wir fahren auf gut Glück zum Hawaii Plantation Village. Dort soll ein Parkanlage sein, auf der alte Häuser der ehemaligen Farmarbeiter aus aller Welt nachgebaut wurden und die man mit einer Führung besichtigen kann. Wieder ist das Schild, das auf diese Attraktion (die bei Tripadvisor unter die Top 10 fällt) hinweist, eher zurückhaltend gestaltet und wir fahren zunächst daran vorbei. Als wir schließlich auf den Parkplatz rollen, ist alles sehr still und wie ausgestorben. Auch Autos stehen kaum herum.  Die Sonne brennt vom Himmel, die Hitze drückt und es ist noch nicht mal Mittag. Am Empfang werden wir sehr freundlich aufgenommen und die nette Dame schickt uns gleich einer Führung hinterher, die gerade erst begonnen haben soll. Tatsächlich finden wir eine kleine Truppe aus mittelalten Pärchen, die hinter dem Haupthaus auf einer Wiese stehen. In der Mitte eine wuselige, aufgeweckte alte Dame, die gerade erklärt, wie man die Macadamianüsse, die hier überall rumliegen, aufbrechen und essen kann. Wir werden freundlich begrüßt und ernten wieder ein anerkennend-überraschtes Raunen der Amis, als wir sagen, dass wir aus Deutschland kommen. Einer der Männer spricht uns sogar gleich auf deutsch an, er hat mal in Heidelberg gelebt. The army.
Blick auf die Anlage (und Highway)
Die idyllische ehemalige Plantage












Nun trotten wir aber gemächlich der alten Dame, unserer Führerin, hinterher und sind zunächst von ihrer resoluten Art und ihrer Offenheit überrascht. Sie ist 82 Jahre alt, heißt Espy und ist auf diesem ehemaligen Farmgelände groß geworden. Ihre Eltern waren Arbeiter und sie selbst hat auch ihr halbes Leben als Farmarbeiterin zugebracht. Espys Persönlichkeit ist wirklich beeindruckend. Sie macht Witze über sich und ihre kleine Statur, neckt einige Leute aus unserer Tourigruppe, erzählt eindringlich und informativ über das "wahre Leben" der armen Farmarbeiter Anfang des 20. Jahrhunderts. Sie erzählt von ihrem Mann, mit dem sie hier lebte und auch Kinder bekam, von seiner harten Arbeit, 12 Stunden pro Tag, und dem Mühsal des einfachen Lebens ohne Strom, Wasser und Supermarkt, aber auch den schönen Momenten in ihrer Kindheit.
In einem Raum mit Schwarz-Weiß-Fotos aus den 20er und 30er Jahren, holt sie private Fotos von sich und ihrem aus der Mappe, die sie mit sich rumträgt. Er sei nun schon seit 8 Jahren tot, aber für sie sei er immer noch da. Sie träge ihn in ihrem Herzen. Er war ein guter Mann. 

Unterkunft im asiatischen Stil
Es ist berührend, wie sie von sich und ihm erzählt, aber wieder fehlen uns die kritischen Informationen (neben den Gefühlen) zu diesem Thema. Die Bilder und Artekfakte, die in diesem Raum ausgestellt sind, haben kaum Bilderunterschriften oder Erklärungen. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Menschenhandel und der Zwangsarbeit, denen die Menschen aus Japan, China, den Philippinen und vielen anderen Ländern damals ausgesetzt waren, fehlt völlig. Immerhin beruht der Ruhm und der Reichtum der Kaffee-, Kokos-, Ananas- und selbst Baumwollindustrie zum größten Teil auf der unmenschlichen Arbeit, die die armen Gast- oder Wanderarbeiter damals leisten mussten. Espy erzählt von der "history of this village " und der "history of the plantations" und leise murmel ich: "history of Ausbeutung." Aber das ist hier nicht das Thema.

Unsere kleine Farm
Die Anlage ist wirklich groß und schön angelegt und die Häuser sind mit Liebe zum Detail nachgebaut. In wieweit sie originalgetreu sind, können wir leider nicht beurteilen, aber im Großen und Ganzen sieht alles eher gebraucht und nicht neu eingekauft aus. In einem Haus, bittet Espy die Männer unten zu warten, sie wolle mit den Damen in den 1. Stock hochsteigen. Alle sind ein bisschen überrascht, aber wir folgen ihr natürlich nach oben. Dort steht ein Schrein, eine Statue, eine asiatische Gottheit und von Espy lernen wir, dass falls wir im Moment schwanger werden wollten, es aber nicht klappen würde, wir hier und jetzt ein Gebet an diese Gottheit richten sollten - das hätte noch immer geholfen, sie verspreche es uns. Nach nur ein paar Minuten ist dieses konspirative Treffen im 1. Stock aufgehoben und sie schreitet wieder die Holztreppe nach unten. Ich sehe keine der Frauen beten, aber vielleicht ist ja eine später nochmal zurückgekehrt.

Bei den Japanern
Dann geht es weiter auf dem Pfad, der sich an den Häusern entlang schlängelt. Es wird immer heißer und wir sind froh, dass es in den Häusern Schatten gibt, aber die Hitze bleibt. In der dschungelartigen Pflanzenwelt leben außerdem viele stechfreundige Moskitos und ich bin immer ihr Ziel. Es ist genau die richtige Umgebung: heiß, bisschen feucht und im Schatten. Meine Beine sind nach einer halben Stunde hinüber. Da hilft auch Espys Rat nichts, sich mit Rosmarin  - oder war es Salbei? - aus dem Kräutergarten abzureiben. Einige aus unserer Gruppe fallen wie die Heuschrecken über das Gärtlein her, nur Erfolg hat diese Methode bei mir leider nicht gezeigt.

Chinesischer Tempel

Ein Barbershop darf natürlich im Dorf nicht fehlen
Espy ist leider nicht zu sehen - zu klein
Am Ende führt uns Espy noch zwischen zwei Teichen hindurch, in denen Kois und andere Fische schwimmen, die wir mit Brot füttern dürfen, das sie in ihrem Rucksack schon die ganze Zeit mit sich herum getragen hat. Es ergibt sich eine besondere Szene: Große (diese Amis sind sooo groß!) erwachsene Menschen, Männer wie Frauen, scharren sich um eine kleine, gebrechliche Oma, die ihnen jedem eine Portion getrocknetes Brot in die Hand drückt. Dann laufen sie aufgeregt davon, werfen die Krumen nach und nach oder auf einmal in den See, bestaunen die Fische, die angeschwommen kommen, machen ein paar schnelle Fotos und kehren dann zu der alten Dame zurück, um noch eine handvoll Brot zu bekommen. Augenblicklich wird sie zu unser aller Oma.

Als die Führung zu Ende ist, wollen wir uns eigentlich verabschieden und endlich ins kalte Nass springen, doch Espy lädt die ganze Gruppe zum +Lunch ein, weil sie noch dies und das von gestern übrig hat. Da wir inzwischen (die Führung dauerte ca. 2 Stunden) nicht nur unter der Hitze, sondern auch unter Hunger leiden, bleiben wir, wie alle anderen auch, dabei. Im Haupthaus werden wir in einen größeren Raum mit Sportgaststättencharme geführt. Dort setzen wir uns alle, denn niemand hat die Einladung ausgeschlagen, um einen großen Tisch und Espy erklärt, was sich so in ihren Tupperdosen so versteckt. Leider gibt es nur wenig Vegetarisches und wahrscheinlich waren auch die Gemüse in Schweinefett ausgebacken, wir haben uns an das vegetarisches Sushi, den gebratenen Reis, den Salat und die leckeren Brownies gehalten.
Wir schlagen uns auf jeden Fall die Bäuche voll, trinken kalte Cola und genießen den lauen Wind der Ventilatoren im Raum. Als die ersten anfangen aufzubrechen und Espy ein bisschen Geld für das Essen zuzustecken, nehmen wir uns daran ein Beispiel und verabschieden uns. Was für ein tolles Erlebnis, in das wir da reingerutscht sind.
Künstlicher Strand für alle - leider geil
Jetzt müssen wir aber wirklich ans Meer! An der Süd-West-Küste der Insel haben in den letzten Jahrzehnten viele hochklassige Resorts  und Hotels mit bekannten Namen aufgemacht. Allerdings sind die Strände und die Beach Park Anlagen zum größten Teil für die Öffentlichkeit frei.
Also fahren wir auf das Areal des Four Seasons durch wunderschöne Golf-Anlagen (Ko Olina Golfclub), parken mit Parkeinweiser und fühlen unser Auto zur Abwechlung mal in sicheren Händen - das Book of Mormons kommt natürlich trotzdem hinter die Windschutzscheibe.

Kohola Lagoon bei La Hiki, Four Seasons

An dem unglaublich schönen Strand mit seichtem Wasser, legen wir uns zwischen Palmen auf die frisch-gesprengte Wiese und genießen die heiße Mittagssonne. Vereinzelt sitzen um uns herum Hotelgäste auf Klappliegen oder Sonnenstühlen, aber alles in allem ist es sehr friedlich und sehr ruhig. Wenn unsere erste einschneidende Erkenntnis war, dass es auf Hawaii keine Dörfchen mit Zentrum gibt, dann ist die zweite: Hawaii ist überhaupt nicht so touristisch, wie man gemeinhin denkt. Überhaupt nicht! Wir waren im August da und man könnte doch meinen, dass das neben den Wintermonaten, an denen die Surfer kommen, die Hauptreisezeit wäre. Ist es auch tatsächlich, aber irgendwie schafft Hawaii es, die Menschen auf alle seine tausende Strände zu verteilen. Und noch sind wir ja sogar in Oahu, wo 30% aller Hawaiianer leben und wo auch der Großteil der Touristen hängen bleibt.
Westküste Oahu
Wir genießen also diese perfekte, aber unnatürliche Idylle und lassen uns braten. Das Wasser ist so klar, flach und warm, dass wir alle paar Minuten rein und rausspringen.

Zum Abschluss des Tages und auch unseres Aufenthalts auf Oahu, fahren wir die Westküste nach Norden hoch, auch wenn wir wissen, dass wir nicht um die Nord-West-Spitze herumfahren werden können. Zwar gibt es zwei große Straßen, die in den Norden führen, die 93, die an der Westküste entlang fährt und die 930, die ganz Oahu mittig durchquert, aber beide treffen sich nicht an der Spitze. 
Blick von Norden Richtung Süden entlang der Westküste
Wir möchten trotzdem noch diese letzte Küste erleben und werden nicht enttäuscht! Herrlich wild und in völligem Gegensatz und den künstlichen Resort-Buchten zeigt sich die nördliche Westküste. Es gibt kaum noch Häuser oder Ortschaften, kaum noch Menschen, aber dafür Tiere. Als wir das Auto auf dem Landweg, zu dem die Straße sich entwickelt hat, anhalten und ausmachen, sehen wir eine Mangusten-Familie in der Felsen klettern. Klein und schnell haben wir sie schon oft knapp vor uns über die Fahrbahn rennen sehen und waren jedes Mal erleichtert, dass wir kein Tierchen mit dem Auto erwischt hatten.
Mangusten oder Mangooses sind keine wirklich einheimischen Tiere der hawaiianischen Fauna





Leider haben wir aber am Straßenrand oder auch auf der Straße oft die sterblichen Überreste dieser Tiere gesehen. Es gibt auf fast allen hawaiianischen Inseln riesige Populationen, die teilweise eine richtige Plage sind. Im 19. Jahrhundert wurden sie als Feinde der Ratten in den Zuckerrohrfeldern eingeführt und haben sich daraufhin selbst herrlich verbreitet.

West-Coast Träume
Als wir wieder umkehren, kommt die Sonne wieder raus und schenkt uns ein wunderbares Licht auf die rauen Strände der mittleren Westküste. Palmen, feiner Sand, blaues Meer und blauer Wölkchenhimmel - das Paradies ist perfekt. So stellt man sich Hawaii vor!

Allerdings gibt es ja auch immer die anderer Seite der Medaille und so sehen wir genau hier zum ersten Mal richtige Armut. Natürlich ist uns auch zuvor schon aufgefallen, dass es viele Menschen auf Oahu gibt, denen es nicht so gut geht. In den "Billigläden", in denen wir einkaufen (weil sie immer noch so übertrieben teuer sind, dass wir uns etwas anderes nicht leisten könnten), haben wir viele Menschen gesehen, die ärmlich aussehen. Auch gibt es immer wieder Menschen, die am Straßenrand selbst gefangenen Fisch oder fünf Kokosnüsse verkaufen - und die sechs Stunden später immer noch dort stehen. 

Unser Leihauto im Aloha State
Hier an der Westküste leben einige dieser Menschen. In Zelten, Wohnwagen oder aus Holz zusammengezimmerten Buden sehen wir sie vor ihren Lagerfeuern sitzen oder ihre alten Autos reparieren - denn die sind lebenswichtig, um in die Dörfer zu kommen. Zwischen Palmen und am Strand leben hier also die Menschen, für die der amerikanische Traum nicht funktioniert hat oder die sich lieber ein Auto, als ein Zimmer in einem Haus leisten. Jérome erzählt uns später, dass er auch schon dort geschlafen habe, als er noch keine Arbeit auf Oahu gefunden hatte. Die Leute sollen zum Großteil freundlich gewesen sein und er habe auch keine Angst gehabt, dort alleine am Strand die Nacht zu verbringen. Mit gemischten Gefühlen machen wir uns auf den Rückweg zu unserer Farm. 

Nun ist unsere Zeit auf der ersten Insel fast schon vorbei. Am Schluss werden wir noch einmal eine Nacht hier verbringen, bevor wir den Flieger zurück nach Deutschland nehmen, aber das ist noch lange hin. Drei Wochen liegen noch vor uns. Wir freuen uns auf unsere nächste Insel: MAUI.

Paradiesische Zustände - zumindest von der Landschaft her


*** Der nächste Teil über MAUI sowie die Teile über Big Island und Kauai werden ab August online sein ***


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