Serie: Vier Wochen Hawaii - Oahu Teil II




3. Tag, Oahu

Am nächsten Morgen wachen wir durch herrlichen Sonnenschein und angenehme Hitze in unserem kleinen Kabuff auf. Als wir ins Wohn-Esszimmer des Haupthaus treten, wird von den Woofern gerade schon das zweite Frühstück eingenommen. Annie steht am Herd und begrüßt uns freundschaftlich. Wir lernen Dave und Samantha kennen, beide vom Festland der USA, sowie Jérome, der es fast ohne Geld aus Frankreich über Australien und Neuseeland bis hierher geschafft hat. Während einem kleinen Frühstück aus den gestern Abend noch schnell zusammengekauften Dingen erfahren wir, dass alle Farmmitarbeiter schon um 7 Uhr mit der Arbeit anfangen, damit sie bis zur größten Mittagshitze mit der Tagesarbeit mehr oder weniger fertig sind. Puh! Das macht zwar Sinn, wäre aber nichts für uns. Nun strecken alle ihre müden, dreckigen und sonnengegerbten Glieder von sich und versuchen sich durch die zwei Ventilatoren, die den ganzen Tag durchlaufen, ein wenig Abkühlung zu verschaffen. Obwohl die vier Woofer ungefähr in unserem Alter sind und wir von ihnen freundlich aufgenommen werden, fühlen wir uns nicht so richtig zugehörig.
Jeder der vier hat einen ganz besonderen Antrieb hier zu sein: Annie, eine gutaussehende, leicht öko angehauchte Blondine, will die Zeit zwischen zwei Jobs sinnvoll und im Warmen überbrücken. Harte Arbeit schreckt sie nicht und weil es ihr auf dem Feld noch nicht heiß genug ist, macht sie an ihren freien Nachmittagen zusammen mit Samantha Bikram Yoga bei 40°C. Samantha, eine kleine zierliche Brünette, die einen intellektuellen Tuch hat, verbindet Urlaub mit Arbeit und hat auch schon auf Big Island gegen Kost und Logis gearbeitet. Dave ist ein Sunnyboy mit arrogantem Einschlag, groß, blonde Haare wie sie Surfer haben, stolz auf sein Homestate (der bei uns leider nicht hängen geblieben ist) und er ist der Einzige, der wie wir in einem der grünen Holzhäuschen wohnt und nicht in einem Zelt neben dem Haupthaus schläft. Er arbeitet schon seit drei Monaten für Marc und bekommt auch Geld für seine Arbeit, denn für ihn ist es eine Art Ausbildung, da er später im Sektor des ökologischen Landbaus arbeiten möchte. Jéromes Persönlichkeit entfaltet sich uns erst nach und nach. Anfangs ist er gehemmt Englisch zu sprechen, aber Französisch will er auch nicht mit uns reden. Er ist sehr gechillt, wenn nicht schon verballert. Sein Leben besteht seit fünf Jahren aus Reisen. Allerdings mit so gut wie keinem Geld. Er trampt viel und verdingt sich meist als Woofer oder Ähnliches. Im Moment will er eigentlich nur wieder nach Australien zurück, was aber nicht mehr geht, da er die Altersgrenze des WorkandTravel-Visums überschritten hat, In Frankreich war er seit Jahren nicht mehr. Ich finde Menschen mit solchen Lebensentwürfen stets gleichzeitig super interessant aber auch abschreckend. Einerseits bewundere ich das freie Leben, das er führt, auf der anderen Seite frage ich mich, was er erlebt haben muss, dass er alles hinter sich abbricht und kein Bedürfnis danach hat, an einem Ort zuhause zu sein oder wenigstens den Wunsch in sich trägt irgendwo irgendwann einmal anzukommen.

Nachdem wir noch ein bisschen am Essenstisch rumgehangen sind und per Handy die Lieben daheim beruhigt haben, dass wir gut angekommen sind, geht es mit dem Auto los an die Northshore. Wir haben vor, Richtung Osten die Küste runterzufahren und einfach mal zu gucken, ob wir ein, zwei schöne Strände zum Chillen und Sonnenbaden finden.

Nun, im ausgeschlafenen Zustand, habe ich schließlich genug Aufmerksamkeit, um den Mietwagen richtig zu erleben. Eigentlich bin ich kein großer Autofan, aber ich genieße es immer wieder im Urlaub verschiedene Autos zu testen. Hier auf Hawaii weder ich gleich fünf verschieden Autos „Probe zu fahren“. Auf Oahu haben wir einen Toyota Prius bekommen. Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich einen Hybrid fahre. Zunächst konnte ich das gar nicht richtig genießen, denn die Umrechnung von Meilen pro Stunde in Kilometer pro Stunde verlangt meine volle Konzentration. Der Tacho bietet pro Einheit eine Anzeige, aber ich schaue aus Gewohnheit immer nur auf die Kilometer, bis mir dann auffällt, dass ich entweder zu schnell oder zu langsam fahre. Grundsätzlich gefällt mir aber die ruhige Fahrweise des Prius sehr gut, auch wenn uns gestern beim Abholen zu einem größeren Auto geraten wurde. Angeblich gäbe es auf der Insel viele Orte, die man ohne Allradantrieb nicht erreichen könne. Diese Aussage hören später auf jeder Insel, die wir besuchen. Und tatsächlich sieht man auf den Straßen nur wenige Kleinwagen, viel eher sind Einheimische im Pick-Up unterwegs. Andere Touristen haben sich, so scheint es, alle von größeren Modellen überzeugen lassen. Man hat fast den Eindruck, dass jeder Touri entweder in einem roten Mustang Cabiro oder in einem ebenso roten Jeep Wranger unterwegs ist. Da diese Autos nach Mietwagen aussehen, werden sie vielleicht auch dementsprechend öfter aufgebrochen, wodurch sich die vielen Warnungen in den Reiseführern erklären lassen.
Deshalb sind wir mit unserem „Kleinen“ rundum zufrieden und ich genieße es nun zur Abwechslung zu Deutschland mal eine Automatikschaltung zu haben und ruhig und langsam durch die Straßen zu cruisen. Ich komme mir dabei sehr amerikanisch vor.

Nachdem wir Haleiwa passiert haben, fahren wir langsamer und halten immer mal wieder an, um ein paar Surfern beim Wellenreiten zuzusehen. Unser Reiseführer weist zwar die Strände mit hübschen Namen aus, aber in der Realität gibt es keine Schilder, die dir sagen, wo du gerade bist. Da das Meer immer links bleibt und man sich an den Namen der Beach Parks orientieren kann, die alle paar Kilometer kommen, sind wir aber nie ganz verloren. In der Mittagshitze machen wir an einem Fruitstand Halt. Der längliche, selbstzusammengezimmerte Stand wirkt renovierungsbedürftig. In der Auslage liegt ein überschaubares Angebot an Früchten, was wir als Zeichen dafür deuten, dass die Besitzer das Obst wirklich selbst anbauen. Als wir noch zögerlich zwischen Kokosnüssen, Ananas, Mangos und Papayas hin und her blicken, erhebt sich aus dem dunklen Hintergrund des Standes eine dicke „Mama“ vom abgewetzten Sofa, wo sie bis gerade noch, im kühlenden Luftstrom eines Ventilators, zusammen mit einer älteren Frau ferngesehen hat. Müde schlurft sich zu uns heran und beginnt, ihre Produkte vorzustellen. Um ein bisschen Konversation zu machen, sagen wir, dass dies unser erster Tag auf Oahu, nein sogar auf ganz Hawaii ist. Darauf öffnet sich das Gesicht der Endvierzigerin ein wenig und sie begrüßt uns herzlich in ihrem Land. Wir entscheiden uns für eine Portion frisches Kokosnusswasser direkt aus der grünen Nuss (diese riesigen Macheten und die feinfühlige Art mit ihnen umzugehen, bringen mich immer wieder zum Staunen) und einer Papaya. Vielleicht haben wir einen Erstlingsbonus, denn sie schenkt uns gleich noch eine Papaya dazu. Mahalo!

Hier muss kurz auf unsere Bedenken bezüglich Autoaufbrüchen eingegangen werden. In vielen Foren und auch Reiseführern hatten wir gelesen, dass Hawaii, egal an welcher Ecke, ein ziemlich unsicheres Pflaster sei, was die Autosicherheit betrifft. Man solle (wie ja eigentlich immer) auf keinen Fall Wertgegenstände im Auto liegen lassen und wenn (das ist ja auch klar) auf keinen Fall sichtbar. Auch die Möglichkeit eines Autodiebstahls sei gegeben. Für die vermeintlichen Diebe ist es schließlich ein Leichtes, zu erkennen, dass es sich um ein Leihwagen handelt: Sie schließen ihn kurz und fahren kreuz und quer damit über die Insel, bis sie ihn irgendwo leer sehen lassen. Naja. Zum einen werden solche Geschichten ja über fast jedes Land erzählt, zum anderen wollten wir aber auf keinen Fall egal was aus unserem Auto klauen lassen und auch auf keinen Fall von einem Strandbesuch zurückkommen und ohne Auto dastehen. Ein komisches Gefühl war – aufgrund dieser vielen Warnungen – immer dabei, wenn wir unsere Mietwagen aus den Augen ließen. Doch, wie könnte es auch anders sein: Keinem der Auto ist auf einer der Inseln etwas passiert.

Blick vom Tempel zur Straße
Als wir wieder im Auto sitzen, fällt uns nach wenigen Minuten auf der rechten Seite ein imposanter, angelegter und gepflegter Park auf, der zu einer Art riesigem weißen Memorial hinführt. Dieses Bauwerk ist nicht in unserem Reiseführer angegeben und wir sind fasziniert von dieser wunderschönen Künstlichkeit. Also parken wir auf dem Parkplatz neben perfekt gestutzten Hecken und steigen aus.


Thank you, Katie

Zu Fuß durchqueren wir also den wunderschönen Park in gleißendem Licht, machen ein paar obligatorische Tourifotos – und schon sind sie da. Zwei junge gutaussehende asiatische Mädchen in hellblauen Gewändern (nicht sexy, aber auch nicht nonnig) sprechen uns freundlich an, stellen sich beide vor (Katie und Shila, Studentinnen aus Singapur und Malaysia) und fragen, ob sie ein Bild von uns machen sollen. Anders als sonst bei solchen Gelegenheiten sagen wir ja und schon wird der Auslöser gedrückt. Als wir fragen, was dieses riesige Gebäude hinter uns sei, blühen die beiden sichtbar auf. Jetzt können sie ihrer eigentlichen Aufgabe nachgehen. Sie erklären uns (immer schön abwechselnd – und so wird es die nächste Stunde bleiben, was ziemlich irritierend ist), dass wir uns hier auf Momonenland befinden und dies DER berühmte Momonentempel Oahus ist. Ich hatte gelesen, dass diese Religion hier viele Anhänger hat, die es auch sehr ernst meinen mit ihrem Glauben, aber mit so einer pompöse Anlage hatte ich nicht gerechnet. Da wir so nett von ihnen in Richtung klimatisiertes Hauptgebäude geleitet werden, lassen wir uns führen. Nein, der Tempel selbst sei leider nicht zu besichtigen, der würde nur für große Zeremonien genutzt... und auch nur von Mitgliedern.

Die lichtdurchflutete, heruntergekühlte Empfangshalle, die wie der Eintrittsbereich eines modernen Museums wirkt (inklusive Tresen, Postkartenständer, großen Bildern an der Wand und schicken, aber unbequemen Couches) macht ziemlich Eindruck auf uns. Wir erwarten jetzt von den beiden Studentinnen alleine gelassen zu werden, aber nein, sie führen uns weiter in die mit weichem Teppich ausgelegten Räume, um uns ihre Religion zu erklären. In einem der Säle steht eine Pyramide voller Bücher mit sehr ähnlichem Einband. Als wir näher herangehen, können wir den Titel lesen: The Book of Mormons, Das Buch der Mormonen, Le livre des mormons … In circa 50 Sprachen liegt hier das wichtigste Buch der Mormonen vor uns. Wir dürfen die schon ein bisschen zerfledderte deutsche Übersetzung in die Hand nehmen und durchblättern. Es sieht aus wie die Bibel. Und das ist kein Zufall, werden wir sofort aufgeklärt. Die Mormonen bauen auf den christlichen Glauben auf. Gott und Jesus sind wichtige Vertreter in ihrer Religion, aber es gibt noch jemand wichtigeren. Das Alte und Neue Testament sind die Basis, allerdings wurde der christlichen Religion ein Update verpasst.
Das Buch zurück auf die Pyramide legend, werden wir weiter geschoben in einen nächsten Raum. Hier hängen reihum große Bilder in Plexiglasrahmen an den Wänden. Die Bilder sind im Stil der kitschigen Romantik gehalten, man sieht Frauen, Kinder und Männer, typischerweise am Beten, auf einem Berg stehen, etwas weihen oder geweiht werden dazu noch tempelähnliche Gebilde und so etwas wie die 10 Gebote. Die kurzen Bildunterschriften sagen uns nichts. Na klar, denn das sind Psalme aus dem Buch der Mormonen. Aber auch ohne Nachfrage bekommen wir nun die ganze unglaubliche Geschichte dieser ziemlich neuen Religion erklärt.
In der Kurzfassung: Ein Mann namens Joseph Smith, Sohn eines Pfarrers, stieg Mitte des 18. Jahrhunderts auf einen Berg bei New York und fand dort in einer Höhle eine gewisse Anzahl von Tafeln aus Gold, die mit Geboten des guten, gottesfürchtigen Zusammenlebens beschrieben waren. Smith war sofort klar, dass diese Tafeln nur von Gott stammen können und ihm endlich einen Sinn im Leben geben. Deshalb macht er sich mit einigen Vertrauten, die sofort begeistert von dieser Entdeckung waren, daran, die Gebote abzuschreiben – was schließlich zum kompletten Book of Mormons führte. Daraufhin konnte er immer mehr Menschen von diesem Glauben überzeugen und verwandelte Gotteswort in Amerika zu einer großen Religion.
Okay okay okay... Stop. Während der, in wechselseitiger Erzählung vorgetragener Erklärung, hatten wir mit immer ungläubigeren Ohren zugehört. Zwischenzeitlich wussten wir nicht, ob wir laut rauslachen sollten. Meinten die beiden das wirklich ernst? Konnte irgendjemand das ernst nehmen? War es so einfach eine neue Religion zu gründen? Jetzt standen wir mit gepresst ernster Miene da und musste einfach ein paar Fragen loswerden: „Wo sind denn die Tafeln jetzt? Kann man die anschauen?“ - „Aber nein, die sind wieder bei Gott.“ Die Geschichte besagt, dass Gott wusste, dass Smith noch nicht so weit war, pures Gold mit in seine Stadt zu nehmen. Gott wusste, dass Smith die goldenen Tafeln dann einfach eingeschmolzen und zu Geld gemacht hätte statt den richtigen Glauben zu verbreiten. Das erscheint logisch. Schlauer Gott. „Und die Leute damals, die haben Smith diese Geschichte einfach so geglaubt?“ - „Ja na klar, es waren ja Gottes Gebote, die er zu ihnen brachte.“ Etwas verwirrt schauen wir uns an. Was gibt es dagegen noch zu sagen? Wir wollen nicht intolerant erscheinen und halten uns zurück. Diese beiden hübschen Mädels, Anfang zwanzig, erscheinen uns so normal und freundlich. Wie kommt ein Mensch dazu, sich in so jungen Jahren mit solch Inbrunst einer Religion zu verschreiben? Als Atheist bleibt da leider oft nur Unverständnis in mir zurück.

Anschließend werden uns noch ein paar Repräsentationsräume und ein großer geschmückter Altar gezeigt, doch dann sind wir am Ende unserer Besichtigung angekommen und wir stehen wieder in der Kunst-Empfangshalle. Am Tresen möchten uns die beiden noch ein paar Postkarten mit Sinnsprüchen und Bilder mitgeben. Ebenso einige Infoblätter auf deutsch. Ja, auch in Deutschland gibt es eine wachsende Gemeinschaft, wird uns gesagt. Als ich nach meinem Glauben gefragt werde, antworte ich wahrheitsgemäß. Dass es für mich nicht den EINEN Gott gibt, sondern, dass schon alles seinen Sinn haben wird, den wir Menschen aber nie verstehen werden. „Aha“, kommt es daraufhin von der Singapurin, „dann glaubst du also doch etwas.“ Es scheint, als würde ihr das vollauf genügen, als wäre ich doch noch nicht dem teuflischen Totalunglauben verfallen und als würde ich doch vielleicht irgendwann den Weg zum Mormonentum finden. Doch eine letzte stichelige Frage brennt mir noch auf der Zunge. Wenn doch diese Religion so tolerant und offen und familienfreundlich und sympathisch ist... was ist dann mit der Eheschließung zwischen Gleichgeschlechtlichen? Ohne mit der Wimper zu zucken oder sonst wie befremdet zu sein, reagieren die beiden professionell: Gott liebt alle Menschen gleich. Schwule oder lesbische Menschen sind bei den Mormonen deshalb natürlich auch willkommen. Sie beide würden selbst auch einige Schwule kennen, aber das Ausleben dieser „anderen Art“ sei nicht familienfreundlich, deshalb müssen Homosexuelle als wirklich Gläubige eben alleine durchs Leben gehen. Na danke. Und schon finde ich Religionen als Überbau über einen Lebensentwurf wieder sehr beschränkt.

Unser Besuch bei den Mormonen ist damit aber immer noch nicht zu Ende. Das einzige, was ich in der Vergangenheit über die Mormonen wusste war: Sie sammeln Lebensdaten von allen Menschen auf der Welt, weil es für sie wichtig ist, ihre Vorfahren zu kennen. Und: Das tun sie vor allem in Salt Lake City. Weil ich mich für Familienforschung interesiere, frage ich danach und ja, auch hier gibt es ein Forschungszentrum, in das wir nun von den beiden Mädels geführt werden. In zwei mit Büchern und sonstigen Dokumenten vollgestopften, eher schimmlig riechenden Räumen mit Teppich, sitzen zwei beleibte Männer an einem Computer. Der eine: Ein amerikanisch aussehender rotbäckiger Hühne in mittlerem Alter – mit den größten Füßen, die wir je gesehen haben! Und ein eventuell indigener kleinerer Braungelockter mit ordentlichem Bauch. Beide sehen definitiv nicht wie ernsthafte Forscher aus. Wir werden freundlich begrüßt und uns überkommt die Ahnung, dass sich in diese höhlenartigen unrepresentativen Räume eher weniger Touristen verirren. Die beiden Mädels verabschieden sich und wünschen uns alles gut, aber für heute haben sie ihren Soll erfüllt.
In der Unordnung der 90er Jahre Computer versuchen wir zu erklären, dass wir gerne nach Angehörigen von uns suchen würden. Meine Mutter hatte vor ein paar Jahren herausgefunden, dass einige entfernte Verwandte Anfang des Jahrhunderts von Bremen aus in die USA aufgebrochen sind. Ob sich darüber in den Weiten des Mormonennetzes etwas finden ließe? Vielleicht habe ich in meiner Absicht nicht ernsthaft genug gewirkt, aber die beiden Männer wissen anscheinend nicht so genau, wie sie die Suchmaschine darauf einstellen könnten („Der hier stürzt dauernd ab, sorry.“) und geben es schließlich auf. Ich blättere in einigen der dicken, alten Büchern an der Wand und mache mit dem Handy einige Bilder von Menschen meines Nachnamens und Paul versucht währenddessen zusammen mit dem indigenen Mitarbeiter zu entziffern, was ein Text in Sütterlinschrift auf einer eingescannten Postkarte bedeuten könnte. Der Mann ist hocherfreut über so viel Hilfe und auch der Hühne freut sich über den Besuch aus Deutschland („Ich habe nämlich auch Vorfahren in Germany. Ein gewisser Hans Strumpf oder Stumpf hat nämlich in Bleizelsheim oder Beihersheim so zwischen 1832 und 1842 gelebt... Doch mehr weiß ich noch nicht... Es gibt noch viel zu suchen und zu entziffern.“) Er ist so begeistert, dass wir uns schließlich wirklich losreißen müssen und uns langsam schrittchenweise rückwärts Richtung Tür bewegen. Zum Schluss, greift er neben sich und schenkt uns ungefragt nach unserer Religion ein echtes Book of Mormons. Der gummihafte Einband leuchtet dunkelbau mit goldener Schrift und das Innenleben riecht nach frischer Druckfarbe. Wir sind ganz beschämt angesichts dieser Freundlichkeit, bedanken uns für dieses überraschende Geschenk und beeilen uns dann aber doch das Forschungszentrum auf höfliche Art möglichst schnell zu verlassen.

Am Auto angekommen, lege ich das Book of Mormons erst einmal in die Beifahrertür. Was sollen wir nur damit anstellen? In den kommenden vier Woche dieses Buch von Insel zu Insel tragen? Ja genau das werden wir tun. Aber dazu später.
Auf der Rückfahrt kehren wir noch kurz im Fiji Market in Kahuku ein und essen einen frisch zubereiteten Snack auf der provisorischen Terrasse. Der Laden ist ein Minimarkt mit angeschlossenem Minirestaurant. Es gibt viele vegetarische Gerichte und wir lassen es uns schmecken.

In unserem Zuhause auf der Farm angekommen, machen wir zunächst ein kleines Schläfchen und gehen zur danach rüber ins Haupthaus, um uns ein Abendessen zu kochen. Bei leiser Reggae-Musik sitzt Jérome auf der ausgeleierten Couch im Wohnzimmerteil dieser Wohn-Essküche und sortiert lange und kurze Federn auf dem Wohnzimmertisch vor sich. Wir verschaffen uns erst mal einen Überblick über die Töpfe und Pfannen, doch dabei muss ich einige Male feste schlucken. Die Sauberkeit hier darf man nicht mit deutschem Maßstab einer AirBnb-Wohnung messen, auch wenn der Preis für unsere Unterbringung das vermuten lassen könnte, sondern eher mit dem einfachen Farmleben, das vielleicht überall auf der Welt so aussehen könnte.

Unsere Küche
Teile der Küche sind mit bloßen Sperrholzbrettern zusammengezimmert, die durch die Feutchtigekeit der Jahre angefangen haben zu schimmeln. Von ehemals beschichteten Fronten, blättert langsam der Lack ab. Alles klebt und teilweise liegen noch Essensreste herum, die Spüle ist voll mit Unabgespülten, das was frisch abgewaschen ist, liegt auf einem Metallgitter vor dem Fenster bei der Spüle. Auch technisch ist alles auf eher einfachem Niveau: Die große Gasflasche für den Gasherd steht direkt neben dem Herd und man muss sie für den Gebrauch stets auf – und hoffentlich auch wieder zudrehen. Der Wasserboiler an der Spüle funktioniert nach dem simplen „Kalt oder Heiß – Gesetz“, die Schwämme zum Abwaschen werden dadurch hoffentlich desinfiziert. Ich kann mit so einem Zustand gut klarkommen, solange ich die Möglichkeit habe, das was von meinem Mund gegessen werden soll meiner gewünschten Sauberkeit anzupassen. Es stört mich auch nicht wirklich, dass ich sehe, wie Jérome sein Bierglas einfach nur kurz unter dem kalten Wasserstrahl schwenkt, bevor er es zum Trocknen auf das Außengitter stellt oder uns nicht eindeutig gesagt werden kann, ob das Wasser aus dem Hahn uneingeschränkt trinkbar ist. Aber ein bisschen schockiert bin ich doch, als ich in das Tellerregal greife, um einen Teller herauszunehmen. Nicht nur auf diesem obersten, auch auf dem darauffolgenden sind deutliche Spuren von Essen (Ei? Fett?) zu erkennen. Mit dem leckeren Schwämmchen, das immer mit genügen Spülmittel getränkt ist und kaltem Wasser (ich will mich ja nicht verbrennen) mache ich mich daran, alles abzuspülen, was heute unsere Münder berühren wird.
Als wir schließlich essen, kommen die restlichen Woofer herein, machen sich etwas zu Essen und setzen sich zu uns. Meist essen sie jeder etwas Anderes, nur einmal in der Woche gibt es ein großes Essen zusammen mit Marc, seiner Partnerin und dem einzigen richtigen Angestellten, einem indigenen älteren Mann mit breitem Lachen aus Big Island.
Bananen im Garten
Ansonsten zeigt sich Marc eher selten. Um die Zeit des zweiten Frühstücks, was bei uns immer das erste ist, sitzt er auch manchmal im Schatten des Hauses und trinkt etwas Kaltes. Oft ist er auch im Büro, das sich verschachtelt zwischen Waschmaschine und Toilette befindet, aber meistens sehen wir ihn arbeiten auf dem Feld. Er selbst wohnt nicht in diesem baufälligen Blockhaus, sondern weiter oben auf der Farm in einem soliden, ansehnlichen Bau. Kein Wunder, dass ihm egal ist, wie es hier in der Wohn-Essküche aussieht. Woofer mit niedrigen Ansprüchen wird er auf Oahu wohl immer finden.

Zum Abschluss des Tages gibt es noch ein kleines Schock-Erlebins, was sich aber zu einem Eigentlich-ganz-süß-Erlebnis umformen lässt. Um noch eine Abenddusche zu nehmen, ziehe ich mich bis auf die Unterwäsche aus, wickle mich in mein Handtuch, schlüpfe in meine Flipflops und gehe die hundert Meter von unserem Häuschen zum Haupthaus.


Weg zur Dusche... und zurück
Inzwischen fängt es an dunkel zu werden. Die Dusche besteht aus vier Sperrholzwänden mit einigen Haken, einer verschimmelten Europalette als Fußboden, keiner Decke, zwei Regalfächern auf Kopfhöhe zur Ablage von Duschutensilien (ein buntes Sammelsurium an vergessenen Produkten vieler Generationen von Woofern) sowie einer Metallduschvorrichtung – immerhin mit Abstufung zwischen heiß und kalt. Die Tür (ebenfalls eine Sperrholzplatte) wird mit einem Riegel verschlossen, der Spalt zwischen Tür und Wand lässt noch exakt soviel Platz, dass ein Außenstehender die Dusche als besetzt identifizieren kann.

Dusche von außen
Dusche von innen
Ich ziehe mich aus, versuche mein Handtuch so weit wie möglich entfernt vom Duschkopf zu befestigen und schalte das Wasser an. In dem Moment springt etwas Schwarzes neben meinen Fuß, ich schreie auf, das Ding springt weiter und bleibt in der Ecke der Tür sitzen. Ich atme auf: Eine Kröte. Schön ist sie ja nicht, aber irgendwie gestehe ich ihr zu, dass das hier ihr Platz ist (sie war zuerst da) und es sich sicher angenehm unter der fauligen Planke im nassen Moder liegen lässt. Verglichen mit den Fröschen, die ich in meiner Kindheit hin und wieder gesehen habe, lässt sich mit der Kröte wirklich kein Schönheitswettbewerb gewinnen: Ein gräulich-grünlicher Buckel, das ganze Tier so groß wie ein kleines Meerschwein, kräftige Hinterbeinchen und alles überseht von einer Mischung unterschiedlichster Warzen. Naja... Eigentlich finde ich ihre kleinen Händchen aber ganz süß, wie sie die Wand hoch tasten. Also dusche ich das erste Mal zusammen mit einer Kröte. Ich versuche sie nicht mit Shampoo zu belästigen und sie lässt mich auch in Ruhe. Schnell raffe ich nach dem Duschen meine Unterwäsche zusammen, schalte das Licht der Dusche aus und mache mich nackt aber in mein Handtuch gewickelt auf den inzwischen stockdunklen rotlehmigen Weg zu unserem Häuschen. Gute Nacht, keine Kröte. Bis nächstes Mal.


Honolulu




4. Tag, Oahu

München ist ganz nah
Heute haben wir vor, die Dole Plantation zu besuchen. Diese riesige Ananasfarm war bis Mitte des 20. Jahrhunderts einer der größten Ananasproduzenten weltweit! Von hier aus Oahu im Nirgendwo zwischen westlicher und östlicher Welt wurden ganze Ananas und ihre weiterverarbeiteten Endprodukte einmal um den Globus geschickt. Der Vorteil an dieser Frucht ist nämlich, dass sie – in reifem Zustand geschnitten – auf der weiteren Reise nicht mehr nachreift, erfahren wir auf einer der vielen Infotafeln.
Schon vom Highway aus sehen wir die großen DOLE-Schilder, das Markenzeichen, das auch uns nicht unbekannt ist. Der Parkplatz ist schon ziemlich voll, aber zwischen zwei Pick-Ups finden wir noch einen Platz. Das Haupthaus durch das es weiter hinten in die Anlage geht, ist poppig aufgearbeitet im Disneyland-Stil. Eine übergroße Plastik-Ananans mit lachendem Gesicht begrüßt uns am Eingang, alles ist in Gelb und Weiß gehalten, der Kolonialstil dieses Westernhauses mit Veranda wurde auch bewahrt. Aber nichts scheint auf die reale ehemalige Plantage hinzudeuten, wir fühlen uns eher wie in einem Freizeitpark gefangen. Der Andrang auf diese Art von Geschichts – oder auch Informationsaufarbeitung ist groß. So groß, dass die Preise natürlich auch entsprechend angepasst werden können.
Ananas zum Ansehen
Paul möchte unser Reisebudget nicht für diese Art von Unterhaltung ausgeben, also streunen wir ein bisschen durch den kostenlosen Teil der Anlage, betrachten verschiedenste Ananassorten in ihrem natürlichen Habitat (am Boden) und machen Fotos mit einem "Erntehelfer". Überall gibt es Häuschen mit kleinen Restaurants und Nippes – ganz wie in einem Freizeitpark eben.




Auf der Dole Plantation
Da der Eintritt zum großen Verkaufsladen ebenfalls kostenlos ist und dort eine gut funktionierende Klimaanlage unsere Körpertemperatur nach unten treibt, vertrödeln wir dort einige Zeit und bewundern den Einfallsreichtum der Merchandise-Profis: Bonbons, Lollis, Kekse, Marshmellows, Gummidrops, Muffins, Eis mit Ananasgeschmackt, dazu kommen noch eingelegte oder sonst wie zum Essen verarbeitete Ananas, Essige und Öle, Senfe und andere Saucen... aber auch Shampoos, Duschgels, Körperpflegelotionen, Handcremes, Anti-Aging-Produkte riechen nach dem Zeug. Die Non-Food-Abteilung ist nicht minder gut ausgestattet: Bleistifte, Kulis, Hefte, Haarspangen, Gummibänder, Minispielgeräte, Ananaspuppen in allen Größen und Formen, plüschige Tiere und und und. Wir sind fasziniert aber auch ein bisschen angewidert von diesem Konsumtempel und beschließen auch aufgrund der Preise hier, lieber mal auf einem Markt eine frische Ananas zu kaufen.

Kaffebohnen am Strauch
Als wir kurz darauf noch ein bisschen verstimmt über dieses Disneyland-Erlebnis und die Einstellung zu amerikanischer Kultur im Allgemeinen lästern, sehen wir am Highway ein Hinweisschild zu einer Kaffeefarm stehen. Paul ist sofort Feuer und Flamme und so biegen wir auf den kleinen Schotterparkplatz. Ist das Gebäude überhaupt offen? Der Anzahl der Autos nach zu urteilen, müssten hier ein paar Leute unterwegs sein. Vielleicht ist diese kleine Farm wirklich nicht sehr bekannt, in unserem Reiseführer stand sie jedenfalls nicht. Wir öffnen die Tür und finden uns in einem großen hohen Raum im Hill-Billy-Rock-Café-Stil wieder. Alles ist ein bisschen schummrig, aber bewusst stylisch eingerichtet, ein paar Touris schlendern durch die Gänge zwischen den Verkaufsregalen oder sitzen in Grüppchen an einem der Cafétische. Vom Tresen her werden wir von einer indigen aussehenden jungen Frau freundlich begrüßt. Wir bekommen einen Espresso-Styroporbecher in die Hand gedrückt und mit einem Handzeichen weist sie uns auf die zu probierenden Kaffeesorten hin. Wir haben die Qual der Wahl zwischen fünf Geschmacksrichtungen: von einfachen puren hawaiianischen Röstungen über Macadamia bis zu Karamell-Maschmellow. Zucker und Milch kann man sich selbst noch hinzufügen. Alles ist ungewungen offen aufgebaut. Zwischen den Regalen mit Kaffeebechern, Espressomaschinen und sonstigem Handwegszeug, steht immer mal wieder eine Probierthermoskanne. An der Wand ganz hinten finden wir schließlich die Kaffeeauswahl als ganze Bohnen oder auch gemahlen auf Holzregalen stehen. Zu jeder Sorte gibt es einen kurzen Infotext, aber Paul ist enttäuscht, weil es keinen 100% in Oahu angebauten Kaffee zu kaufen gibt. Wir kaufen trotzdem (angeregt, durch das nette Ambiente) einen Kaffee aus Kauai und ein paar schokolierte Kaffeebohnen zum Snacken. In einem Land mit 25°C Durchschnittstemperatur vielleicht keine so gute Idee. Nach ein paar Tagen im Auto ist alles zu einer einheitlichen Masse geworden, die man in ausgehärteter Form als Bruchschokolade kennt.
Beim Bezahlen werden wir auf den Hinterausgang hingewiesen, der auf einen kleinen Teil der Kaffeeplantage führt. Dort finden wir uns trotz des nahen Highways in einer beruhigenden Natur wieder, können frei durch die Reihen der großen Pflanzen streifen und unreife Kaffeebohne betasten.

Idyllischer Kaffeegarten
Memorial von Peal Habor
Danach geht es für uns weiter in Richtung Honolulu. Paul hatte sich eine Besuch bei Pearl Harbur gewünscht, aber auch dort sind die Preise so horrend, dass wir beschließen keinen Bootstrip auf die andere Seite der Bucht zu machen, wo das Museum liegt. Das Gelände, das man kostenlos betreten kann, ist auch so beeindruckend und voller militärische Glorifzierung und Nationalstolz, was wir als Deutsche nur wenig nachvollziehen können. Die Touristen um uns herum sind aber ganz begeistert von den Waffennachbildungen aus Bronze und den Gedenktafeln aller bei dem Angriff der Japaner 1941 Gefallenen.
Auf der kostenlose Seite des Geländes
Ich finde immer wieder beeindruckend, wie schlimm doch dieser eine einzige Angriff auf amerikanischen Boden (der ja strenggenommen erst seit sehr kurzer Zeit amerikanisch ist) für das amerikanische Selbstverständnis zu sein scheint. Wie eine Nation gleichzeitig über Jahrzehnte verschieden Angriffskriege in anderen Ländern führen kann, ist mir wirklich unverständlich. Wenn man sieht, mit welcher Erschütterung auch heute noch Besucher auf die Bilder der Angriffe auf Pearl Habour reagieren, frage ich mich schon, wie diese Personen gleichzeitig Kriege ihrer Regierung in anderen Ländern gutheißen können.

Wir machen ein paar obligatorische Fotos, beobachten die Menschen und benutzen die sehr sauberen öffentlichen Toiletten. Dann fahren wir weiter nach Honolulu rein. Bei einem Einkaufszentrum in Innenstadtnähe finden wir ein Parkhaus, in dem wir als Kunden weniger zahlen müssen. Wir lassen das Auto stehen und suchen erst einmal nach einem geeigneten Restaurant zum Mittagessen. Wie so oft, bietet uns das Schicksal ziemlich zielstrebig eine perfekte Lösung an: VEGAN leuchtet es über der Tür eines sonst unscheinbaren Restaurants auf uns herab. Es ist so schön, ein Restaurant zu finden, in dem man einfach alles mit gutem Gewissen essen kann! Im heruntergekühlten Inneren sitzen zwei weitere Pärchen an zwei Tischen und an der Längsseite des Ladens hängt ein großer laufender Flachbildfernseher. Wir setzen uns und werden gleich freundlich begrüßt und nach unserer Herkunft befragt. Leider weiß die langsam ergrauende Bedienung nichts weiter zu Deutschland zu sagen. Wir bestellen zwei Tagesgerichte und genießen die teilweise fremden Gewürze und den andersartigen Geschmack bekannter Nahrungsmittel wie Reis und Kartoffeln. Doch obwohl wenig los ist, fühlen wir uns beim Essen ein bisschen gestört: Der Fernseher, beziehungsweise, die Dame, die dort in der Sendung auf einem Podest vor mehreren hundert Menschen spricht, hat ein sehr eindrucksvolles Organ. Sie muss eine große Persönlichkeit in der englischsprachigen veganen Szene sein und sie scheint sich ihrer Rolle auch sehr bewusst. In der Stunde, die wir in dem Restaurant verbringen, tut sie auf ihrem Podest nichts anderes, als von Aufschrieben die Charmapunkte einzelner Lebewesen abzulesen. Das allerdings tut sie mir ganzer Inbrunst: „Can you believe this? Only one rabbit gives you 20 points! Imagine this! One single rabbit! And even a little worm gives you five points! Five points! Isn't this wonderful!?“ Dann wartet sie, bis sich das frenetische Klatschen ihrer Zuhörerschaft (die sehr schick und durchaus gebildet aussieht) gelegt hat und beginnt von neuem. Wir sind auch ganz begeistert zu hören, dass ein Pferd und ein Schmetterling fast gleich viele Charmapunkte verteilen! Wow! Wie genau man sie aber fangen kann (Super Mario mäßig?), bleibt uns aber ein Rätsel.

Ruhiges, aufgeräumtes Chinatown
Körperlich und seelisch gestärkt laufen wir nun Richtung China Town, denn im Reiseführer wird dieses Viertel speziell ausgewiesen. Asiatische Städte kennen wir ja schon aus Taiwan, deshalb sind wir nicht wirklich beeindruckt von der Tour, die der Lonley Planet durch das Viertel vorschlägt. Ja okay, vieles hier passt nicht in das amerikanische Großstadtbild und der Käfig voller lebender Kröten in der Auslage eines Geschäfts befremdet uns. Aber insgesamt haben wir uns das Viertel chinesischer vorgestellt. Viele Läden sind zu oder sehen aufgegeben aus.

Schade, wir sehen ihn nur von außen
Wir beschließen weiterzulaufen bis zum buddhistischen Kuan Yin Temple, der jedoch bei unserer Ankunft schon geschlossen hat für heute. Leider.
Es ist inzwischen unerträglich heiß. Das Herumlaufen in den stickigen Großstadtgassen und die knallige Sonne machen uns ganz döselig. Im Schatten der Tempelanlage beschließen wir, zurück zum Auto zu laufen, im Einkaufszentrum ein paar Dinge zu besorgen (vor allem Wasser!) und dann mit dem Auto noch weiter ins Zentrum Stadt und vor ans Meer zu fahren.

Achtung! Honolulu ist kein niedliches kleines Urlaubsörtchen, sondern eine wirklich große Stadt mit einer riesigen Ausdehnung und über 400.000 Einwohnern. Es gibt außerdem viele Bereiche an denen gebadet oder ein Schiff bestiegen werden kann. Viele Buchten erschweren uns bei der Suche nach einem passenden Parkplatz die genaue Orientierung. Zusätzlich muss überall im Stadtgebiet fürs Parken bezahlt werden.

Blick vom Aloha Tower Richtung Honolulu
Herrlicher Blick auf Meer und Skyline
Immerhin gibt es einen ehemaligen Leuchtturm aus den 20er Jahren, den Aloha Tower, der heute ein kostenloser Aussichtsturm ist und so sparen wir dadurch wenigstens ein bisschen Geld. Diesen Turm empfehlen wir jedem Honolulubesucher. Er ist mehr oder weniger zentral gelegen (je nachdem was man als zentral empfindet) und bietet trotz seiner Höhe von nur 56 Metern einen tollen Blick auf das Meer und die im Osten gelegene Skyline Honolulus. Abgesehen von ein paar Touristen, die sich auch dorthin verirren, haben wir den Turm ganz für uns alleine. Das Areal um den Tower herum heißt Aloha Tower Marketplace, das aber schon deutlich bessere Zeiten gesehen hat. Jeder zweite Laden ist geschlossen, dafür sind die offenen mit trinkfreudigen Besuchern und knapp bekleideten Bedienungen gut gefüllt.

An einer Kaimauer wird gerade eine kostenlose Hula-Hula-Vorführung gezeigt. Ich bin ganz begeistert und mache gleich ein paar Schnappschüsse. Eine echte, also traditionelle, also untouristische Hula-Show möchte ich in diesen vier Wochen auf jeden Fall einmal erleben!
Touristische Attraktion: Hula-Tanz
Ich bin fasziniert von dieser einzigartigen Kultur, die leider (wie so viele) von den Kolonisatoren soweit zurückgedrängt wurde, dass sie heute nur noch ein Schatten ihrer selbst ist und mit viel Mühe wieder zum Leben gebracht wird. Seit einigen Jahren gibt es auf allen Inseln Kindergärten und Grundschulen, die die hawaiianische Sprache (und damit die Kultur) unterrichten und langsam nimmt die Anzahl der Sprecher tatsächlich wieder zu. Auf Hawaii waren die Hula-Tänze auch immer eine Art Geschichten zu erzählen. Jede Bewegung bedeutet etwas und durch die Kombination der Gesten, werden Legenden von Mut, Verrat, Trauer oder Liebe erzählt und an die nächste Generation weitergegeben.

Rau und wunderschön
Nach einem langen und eindrucksvollen Tag, fahren wir nun wieder hoch an „unsere“ Northshore, um den Abend am Strand mit Sonnenuntergang ausklingen zu lassen. Diesmal biegen wir nicht nach Haleiwa ab, sondern halten uns links Richtung Westen. Die Gegend wird ärmlicher und überall neben der nunmehr zu einem lehmigen Feldweg gewordenen Straße liegt Müll herum. Der Reiseführer warnt vor Autoaufbrüchen und Betrunkenen am Abend. Nirgends sind Häuser zu sehen. Außer ein paar Fischern und vereinzelten Familien, die gerade ihre Sachen zusammenpacken, sind wir alleine.

Als wir aussteigen ziehe ich kurzerhand das Book of Mormons aus der Beifahrertür und lege es hinter die Windschutzscheibe, wie man es mit einen Parkschein machen würde. „Vielleicht beschützt uns der große Gott der Mormonen und vielleicht haben potentielle Diebe Respekt vor unsrer Religiosität“, versuche ich Paul zu überzeugen. Er nickt und lächelt mich milde an, da er meine Faible für übersinnliche Kräfte schon lange kennt.
Wir laufen ein bisschen den Strand entlang, versuchen die Angler nicht bei ihrem abendlichen Hobby zu stören und setzen uns schließlich an eine Düne, um dem Naturschauspiel zu folgen. Die Sonne geht von changierenden Rosatönen umrundet langsam unter und nur der wolkige Himmel und die natürliche rauhe Natur um uns herum schützen den Moment vor unendlicher Kitschigkeit. Wir schauen uns an und sind glücklich!
Fast haben wir den Strand ganz für uns alleine

CONVERSATION

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen