Serie: Vier Wochen Hawaii - Oahu Teil I



Tag 1, Flughafen Seoul

Endlich ist es soweit! Unsere Reise nach Hawaii beginnt. Als vor fast einem Jahr aus der Idee nach Hawaii zu fliegen langsam ein konkreter Plan wurde, war alles noch so weit weg. Jetzt sitzen wir im Flugzeug nach Seoul und üben uns im stundenlang Filme gucken, Lesen und Dösen. An Schlafen ist für mich zumindest nicht zu denken, dafür brauche ich höher gelegte Beine, da hilft auch mein Nackenkissen nichts, das immer noch nach der Plastikverpackung riecht, aus der ich es gerade gezogen habe.

Nach einem zehnstündigen Flug sind wir endlich in Korea. Südkorea. Ein Land, das ich schon als Jugendliche kulinarisch entdecken durfte, weil die Mutter meiner besten Schulfreundin Koreanerin ist. Der Kühlschrank war immer gut bestückt mit ausgefallenen, exotischen, unbekannten Dingen. Verschiedenste Geschmäcker und Nahrungsmittel gab es für mich zu entdecken und alles war so lecker! Aber auch die asiatische Kultur wurde mir aus jedem Urlaub mitgebracht: Neonpinke Wuschelpullis, knatschknallige Stretchleggins und Ballerinas mit Hasenohren. Und unter vorgehaltener Hand erzählte mir meine Freundin von ihrem peinlichsten Erlebnis im letzten Urlaub: Ihre Mutter hatte sie zur Wimperndauerwelle geschleppt. Das alles war also für mich Korea.
Nun werden wir erst mal von der enormen Hitzewolke eingehüllt, die alles außerhalb des klimatisierten Flughafengebäudes umfängt. Nur mit dem Handgepäck bestückt, begehen wir nämlich den Fehler, die „echte Luft“ schnuppern zu wollen und treten ins Freie. Mitten im Flughafengebäude ist ein kleiner aber sehr feiner Park angelegt, sehr nett, asphaltierte Wege, gestutzte Büsche und Bäumchen unter freiem Himmel... aber bei diesen Temperaturen wirklich nicht zu genießen. Wir machen uns Mut und faseln etwas von „akklimatisieren“, aber mehr als einige hundert Meter kommen wir nicht, dann zieht es uns wieder magisch durch eine der automatischen Türen. Nun wundert uns auch nicht mehr, dass in diesem Park keine Menschenseele zu sehen war – auch den Koreanern ist zu heiß.

Nach diesem Erlebnis entscheiden wir, doch keine Stadtrundfahrt zu machen. Zunächst hatten wir gedacht, dass wir die sechs Stunden Zwischenaufenthalt optimal ausnutzen könnten, aber nun fühlen wir uns einfach nur schlapp und hungrig. In unserer geliebten Kioskkette 7Eleven kaufen wir Wasser und kleine Reisdreiecke mit Gemüsefüllung, die wir schon aus Taiwan kennen. Da weiß man was man hat. Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht. Leider ist es halt doch so, dass es als Vegetarier oft immer noch schwierig ist in einem einfachen Kiosk etwas ohne Fleisch zu finden. Vor allem in Asien. Natürlich ist es in Restaurants oder auf Nachtmärkten kein Problem, aber kleine fertig abgepackte Dinge auf die Hand sind meist mit Fleisch oder Fisch vermischt.

Platz unter der Pagode
Mit den Dreieckssushis und einem Fertigsalat in der Hand suchen wir uns einen ruhigen, kühlen Platze für die nächsten Stunden. In einem Nebenarm des Flughafens werden wir fündig. Flache Holzbänke zwischen einen künstlichen Minitempel und einem künstlichen Blumenbeet. Dort liegt auch schon einer, komplett ausgestreckt am Schlafen und zwei junge Frauen, die augenscheinliche am Flughafen arbeiten, machen gerade ihre Mittagspause und essen Fastfood.

Wir verteilen uns mit all unserem Hab und Gut (ausgezogene Klamotten, Rücksäcke, Kamera, Tüte mit Trinken und Essen) auf einer der Bänke und lassen es uns gut gehen. Endlich kann ich mich einmal komplett ausgestreckt hinlegen. Keiner guckt komisch. Seit Taiwan kommt es uns eh so vor, als wäre es in Asien sowieso normal, dass sich überall und zu jeder Zeit Menschen irgendwo zum Nickerchenmachen ausstrecken könnten. Dem Bedürfnis wird einfach Folge geleistet und da jeder diesen Zustand kennt und es selbst so macht, nimmt auch keiner Anstoß daran.

Schläfchen in der Sauna
Nach dem Essen übermannt uns die bleierne Müdigkeit in dieser schwül-heißen Atmosphäre. Auch wenn es hier (deutlich!) kälter als draußen ist, befinden wir uns nicht in einem voll klimatisierten Bürogebäude, sondern, wie uns plötzlich auffällt unter einem großen pyramidenförmigen Plexiglasdach, durch das Sonne trübe scheint.

Das leise Gemurmel der Menschen und das Kommen und Gehen in der Halle gibt uns den Rest. Auf unsere Sachen gelegt – ich vor allem immer die Kamera unter dem Kopf – dösen wir dahin. In diesem wunderbar verwunschenen Halbwachzustand zwischen Tag und Traum, habe ich teilweise wirklich große Erkenntnisse oder weltverändernde Ansichten. Dieses Mal träume ich nur ab und zu, dass ich verstehen könnte, worüber die Menschen in meiner Nähe reden würden. Dass ich eigentlich koreanisch verstehen könnte, wenn ich nur nicht immer so wach und klar werden würde, wenn ich aufwache. Leider verfliegt mein Wissen ein ums andere Mal. Aber ich genieße dieses träge Dahindämmern und irgendwie genieße ich auch diese Wärme.
Als wir uns schließlich wieder auf den Weg zu unserem Gate machen müssen, fühle ich mich gerädert. Nach meinem Biorhythmus ist es jetzt mitten in der Nacht, ich habe seit über 20 Stunden nicht richtig geschlafen. Ich wanke zum Flugzeug und freue mich nur darüber, dass wir nun schon den größten Teil unserer Reise geschafft haben. Nur noch einmal einsteigen und dann sind wir da! Juchuuu!

Tag 2, Flughafen Oahu

Als wir in Hawaii ankommen ist es Vormittag. Im Flugzeug konnte ich wieder nicht richtig schlafen. Ich ahne es schon, gleich kommt der Jetlag meines Lebens. Aber: die Sonne lacht, es ist warm, überall sind Palmen und die Menschen tragen kurze Hosen. Das Flughafengebäude ist ein lebendiges Museum der 70er Jahre. Hier könnte man sofort jeden Mafia / Krimi / 007-Film in echter Kulisse spielen lassen. Auf der Gangway werden wir durch eine Vielzahl von Artefakten in Glasvitrinen auf die Kultur Hawaiis eingestimmt: Werkzeuge und Musikinstrumente der Hawaiianer sowie landwirtschaftliche Geräte und traditionelle Kleidung sowie die typischen Nahrungsmittel werden vorgestellt. Unter uns Teppichboden aus den 70ern. Alles ist aus dunklem dicken Holz. In der „großen“ Flughafenhalle stehen noch eine Reihe von Telefonen, die man nur zur Hotelauswahl benutzen kann und Telefone in Holzkabinen, damit man seinen Verwandten in Florida gleich darüber informieren kann, dass man gut auf den Inseln angekommen ist.

Eine einzigartige Besonderheit sind aber sicher die Kühlschränke voller Leis, die dort ebenfalls stehen. Man stelle sich also einen Kleiderschrank mit Glastür in der Größe eines Getränkeautomaten vor, in dem keine Kleider hängen, sondern Leis. Leis haben auf Hawaii eine uralte Tradition und werden nach unzähligen Mustern und mit unterschiedlichsten Blüten und Blättern geknüpft. Leis kann man zu jeder Gelegenheit verschenken oder sich auch selbst kaufen. Je nach Büten, Größe und Länge können sie etwas anderes bedeuten. Wichtig ist beim Umlegen nur, dass der Lei vorne wie hinten gleichmäßig herunterhängt. Nicht wie eine Kette, die hinten eng am Hals liegt und vorne lange runterbaumelt. Da wir diesen Lei-Konsum eher als Touristen-Nepp einschätzen (was nicht stimmt) und davon ausgehen, dass die Preise hier am Flughafen bestimmt total überhöht sind (was auch nicht stimmt), lassen wir den Automaten links liegen und stehen bald darauf zum ersten Mal in hawaiianischen Sonnenschein. 

Mit unserem Mietwagen und einer ungefähren Ahnung in welche Richtung wir zu unserem AirBnB fahren müssen, geht es los ins Landesinnere. Wir haben uns bewusst gegen eine Übernachtung in Waikiki entschieden. Zum einen ist Hawaii einfach unheimlich teuer! Und zwar in allem! Zum anderen wollen wir keine Großstadt und viel Trubel, sondern eher das ländliche „echte“ Leben auf dem Land. Oh wie wir das eines nachts bereuen werden! Nun geht es aber erst mal über vierspurige Autobahnen mit gar nicht so wenigen Autos und unheimlich vielen Pick-Ups. Am Ende des Urlaubs werden wir in diesem einen Monat mehr dieser Gefährte gesehen haben, als in unseren Leben davor und bestimmt auch danach. Pick-Ups und Geländewagen sind hier das Fortbewegungsmittel der Wahl. Man kann darauf sitzen, stehen, tanzen, Tiere oder den gesamten Hausrat transportieren, eine Grillparty veranstalten oder die Fläche für Wahlkampfwerbung nutzen.

Immer wieder schaue ich auf die Karte, die ich mir bei AirBnB ausgedruckt habe, doch leider ist sie nicht sehr detailliert. Was wir immer wieder feststellen werden: Hawaii macht es seinen Touristen nicht leicht! Auf jeder der Inseln muss man sehr genau aufpassen, wenn man etwas Konkretes sucht. Sei es eine Straße, ein Haus oder einen Strand. Allzu schnell hat man es übersehen, weil nichts, aber auch gar nichts darauf hingedeutet hat.
So kommt es schließlich, dass wir völlig übermüdet in der Nähe einer verstaubten Kreuzung an einer Bäckerei halten und dort nach der angegebenen Adresse fragen. Die freundliche Verkäuferin, in deren Laden noch einmal ein paar Grad heißer ist als draußen in der Mittagssonne, ist zwar sehr aufgeschlossen und hilfsbereit, trägt aber auch nicht zu einer Erkenntnis bei. Niemand weiß etwas von einer Farm, die bei Airbnb Zimmer bzw. Häuschen an Touristen vermietet, oder auch nur den Straßennamen, dabei müsste unser Ziel hier ganz in der Nähe sein. Nachdem wir in einem angrenzenden Mini-Klamottenladen ebenfalls nur Schulterzucken ernten und auf dem Gehweg ein Schulkind mit unserer Frage erschrecken, beschließen wir noch einmal mit dem Auto auf die Suche zu gehen.

Auf einem landwirtschaftlichen Feldweg werden wir durch eine Schranke gestoppt. Kurz überlegen wir, auszusteigen und zu Fuß weiterzugehen, aber unser Respekt vor dem waffenbesitzenden Durschnittsamerikaner hält uns davon ab. Im Maisfeld aus Versehen erschossen zu werden, steht nicht auf unserem Urlaubsplan. Später (vor allem an der Ostküste Oahus) sehen wir auch tatsächlich immer wieder Schilder, die ohne Missverständnis deutlich machen, was der Besitzer des Grundstücks davon hält, wenn du durch seinen Garten laufen würdest. Wir haben es nie ausprobiert.

Welcome to Mohala
Also brettern wir wieder über den Feldweg zurück zum Highway und finden schließlich mitten auf einem leeren Platz eine Telefonsäule, die nicht aussieht, als könnte sie noch eine Verbindung herstellen. Aber diesmal haben wir Erfolg: Marc meldet sich und beschreibt uns den Weg. Tja, wären wir doch durch die Schranke gegangen...

Nach einigen Kurven öffnet die Farm von Marc und seiner Partnerin ihre „Mohala“-Pforte. Annie, eine der vier Woofer, die zu unserer Zeit dort arbeiten, begrüßt uns sehr freundlich und zeigt uns unsere Bleibe für die kommende Woche. Etwas abgelegen vom Haupthaus, in dem sich das Wohnzimmer, die Küche und das „Bad“ für die Woofer befindet, stehen drei eher neuer grüne kleine Blockhäuser von circa 12qm mit Miniveranda und Wasseranschluss auf der Hausrückseite. Eines davon ist unseres! Juchuuu! Endlich angekommen, endlich hinlegen, endlich schlafen.
In unsere Hütte passt genau ein Doppelbett, ein Tisch mit Stuhl und ein kleines Regal à la Expedit. Die Fenster haben keine Scheiben, nur festinstallierte Fliegengitter und Vorhänge aus Baumwolle, die man zusammen mit der Vorhangstange abnehmen oder vor das Fenster hängen kann.
Unser Häuschen
Das Haupthaus von hinten
Mit der allerletzen Kraft schleppe ich mich Annie hinterher nochmal raus Richtung Haupthaus, weil weil mir unbedingt jetzt noch die Küche, die Funktionsweise des Klos, der Freiluftdusche und der Waschmaschine zeigen will. Mein Englisch verliert langsam alle Formen und meine Zunge scheint schon nicht mehr vom Gehirn steuerbar zu sein. Solch einen „über“-müden Zustand, den man im Nachhinein vielleicht als tranceähnlich erklären könnte, habe ich zuvor noch nie erlebt. Es ist definitiv eine Erfahrung! Trotzdem würde ich in Zukunft immer wieder eine Nacht zwischen den zwei Flügen buchen, so wie wir es auf der Rückreise gemacht haben. Das ist so viel entspannender, gar kein Vergleich.

Nach ein paar Stunden sehr tiefem Schlaf wachen wir langsam aus unserem komatösen Zustand auf. Noch ist es einigermaßen hell und wir wollen den Tag nicht einfach so ausklingen lassen. Außerdem haben wir nichts zu essen da und möchten heute noch das Meer sehen. Also wieder rein in den Wagen (ohne Auto geht hier wirklich gar nichts) und Richtung Norden in das Surfer-Dörfchen Haleiwa. https://www.youtube.com/watch?v=mHqsTg_kFRA Die erste Lektion über das Leben hier auf den Insel lautet: Es gibt (so gut wie) keine Dörfer mit Dorfzentrum. Ein Dorf ist eine Hauptstraße mit einer Ansammlung von Häusern links und rechts. Mal eng aneinander gepresst, mal mit einem Kilometer Abstand (oder auch mehr wie auf Big Island). Wir suchen also zunächst nach einem Orientierungspunkt – DEM Dorf. Nach kurzer Zeit, wird uns klar, dass wir das Dorf auf der Suche nach dem Zentrum schon verlassen haben. Also parken wir und genehmigen uns das erste Shaved Ice. Mit diesem ausgewogenen Abendessen fahren wir auf dem Kamehameha Hwy weiter nach Norden – endlich das Meer sehen! Wow! Hier sind sie also, die auf der ganzen Welt berühmten Surfstrände. Die Weltmeisterschaftsaustragungsorte, die Monsterwellenproduzenten, das Paradies für all die Surferboys und Suferboys. Wir setzen uns kurz an einen nicht mal so hübschen Beachpark, doch die Sonne geht kurz darauf erstaunlich schnell unter. Also kehren wir um, kaufen auf dem Rückweg noch bei einem Supermarkt und verstauen zuhause alles im Gemeinschaftskühlschrank.
Voll mit all den Eindrücken und der gleichbleibenden Wärme um 25°C auch nach Sonnenuntergang schlafen wir sofort ein.

Unser Kompost-Klo: Mehr öko geht nicht
Unsere Hütte / unser Zimmer von hinten

Tür auf der Veranda führt ins Klo

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